Wenn ich meine Augen
schließe, spüre ich immer noch den Boden
des Museumsplatzes (großer Platz in Amsterdam,
in der Nahe des Reichsmuseums, jetzt Grassflache, Anm.
d. Übers.) unter meinen Fußen. Auch die
Hand meiner Schwester in meiner Hand, zusammen zu Fuß an
den Kanälen entlang laufend, auf der Suche nach
meinem Vater, der von der SS verhaftet worden war.
Details aus einem Kinderleben. Wenn ich dann aber den Mut habe, über
mehr nachzudenken, fühle ich die Trane kommen. Meine Kameraden,
die so geräuschlos verschwunden sind, nicht nur aus meinem Leben.
Wie alt sind sie geworden? Diese Kinder ohne Zukunft. Warum? Ja, sie
waren jüdisch, viele wussten das aber kaum.
Und dann mein Freund
Willy, untergetaucht in einem dunklen Keller an der
gegenüberliegende Seite meines Hauses. Was haben
wir zusammen gespielt, dort in dem Haus, denn die Straße
war für ihn mit seinem Stern zu gefährlich.
Alles, was die Fantasie eines Kindes erlaubt.
Er Willem van Oranje und ich Balthasar Gerards, am nächsten Tag
die Rollen getauscht. (Willem van Oranje war der erste Führer der
aufsässigen holländischen Provinzen; er wurde 1584 vom Berufskiller
Balthasar Gerards erschossen, Anm. d. Übers.) Willy verschwand aus
meinem Leben, in einer dunklen Nacht wurde er abtransportiert.
Es hat mehr als ein halbes Jahrhundert gedauert, bevor ich wusste, wer
Willy wirklich war. Sein Nachname, seine Familie, sein Bruder, seine
Schwester. Das letzte Andenken aus ihrem Haus war ein Hund aus Glas,
keine drei Zentimeter groß. Nach und nach entwickelte sich aber
ein Bild, mit immer mehr Details. Sein Hund war zu Hause in Den Haag
geblieben, dafür gab es hier in Willys Keller in Amsterdam meine
zwei Kaninchen.
Er war auf dem Tag genau zwölf Jahre alt, als die Gaskammer sein
Leben beendete, zusammen mit seiner Mutter und so vielen Anderen.
Wenn ich aber jetzt, nach so langer Zeit, den Namen Willy van Biene mit
der Tastatur meines Computers schreibe, dann ist er wieder da. Ein Name
nur, den ich immer mit mir tragen werde...
Ronald Sweering