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Geheimversteck Hotel Atlantic
Eine wahre Geschichte |
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Süddeutsche
Zeitung,
20.06.2005 |
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Ronny macht, was er will
..............Eine
Kindheit in den besetzten Niederlanden
Der
zehnjährige Ronny hat 1943 den Glauben
verloren, dass die Erwachsenen das Schreckensregime
der Nazis in den Niederlanden beseitigen
können. „In Gedanken schießt
er einen Deutschen tot, der bei seinem Sturz
Hunderte anderer mitzieht. Dann befreit er,
zusammen mit Kees und Luise, all die Untergetauchten
und Gefangenen in Höhlen, Kellern, Gefängnissen
und Lagern. Seine Mutter bringt die Post
herein. Ronny dreht sich um. Mama, gibt es
eine Art Geheimschule für Kinder, die
später Widerstandskämpfer werden
wollen?“
Was
passiert mit seinen jüdischen Freunden,
die plötzlich verschwinden, welche Geheimnisse
haben seine Eltern, welche Rolle spielen die
beiden deutschen Offiziere, eigentlich verhasste
Moffen, aber Helfer bei dem Versuch, Juden
zu retten? Wer ist jetzt gut und wer ist schlecht?
Fragen, die er nicht beantworten kann, wenn
er sieht, wie viele Niederländer sich
an Gräueltaten gegen die Juden beteiligen.
Auch in der Schule formiert sich eine Schlägertruppe,
die die jüdischen Mitschüler jagt,
dabei aber auf den erbitterten Widerstand von
Ronny und seinen Freunden stößt,
denen es einmal sogar gelingt, sie in die Flucht
zu schlagen.
Die
Autorin Mirjam Elias berichtet in Geheimversteck
authentisch über die Kindheit ihres Mannes,
erzählt die Schrecken dieses Krieges aus
der Sicht eines Kindes, das die Brutalitäten
noch mehr spürt, weil es ihnen hilflos
ausgeliefert ist, auch wenn es mit seinen Freunden
geheime Untergrundaktionen plant. Aber was
zeigt die Hilflosigkeit der Erwachsenen mehr
und welchen Trost können sie noch geben,
wenn der beste Freund, der sich im Keller gegenüber
versteckt, verschleppt wird? Das Buch, das
mit der Befreiung Amsterdams beginnt und dann
chronologisch die Kindheit vom Überfall
der Deutschen 1941 an erzählt, zeigt am
Ende des Krieges einen Jungen, der keine Autorität
mehr anerkennt. „Ronny macht einfach,
was er will. Den meisten Erwachsenen traut
er nicht mehr. Warum mussten sie die Welt auch
so durcheinander bringen mit ihrem Krieg. Von
ihm aus kann die Schule in die Luft fliegen.“
Die
Erinnerungen, ergänzt durch Recherchen
der Autorin, geben einen sehr genauen und zunehmend
bedrückenden Eindruck vom Leben im besetzten
Ams-terdam. Die Eltern des Jungen, Besitzer
eines großen Hotels, sind liberal und
politisch so weitsichtig, dass sie von Anfang
an die Brutalität der Besatzer voraussehen.
Immer wieder geben sie Verfolgten Schutz. Ronny
und seine Freunde verstehen diese sich plötzlich
so grausam veränderte Welt nicht mehr,
belauschen die Erwachsenen, starten selbst
Widerstandsaktionen und versuchen auf eigene
Faust in diesem Schrecken und Chaos zu überleben.
Neben
aller Dramatik und Trauer sind aber viele Familienszenen,
besonders am Anfang, auch skurril und komisch,
weil sie stringent mit dem Blick eines Kindes
erzählt werden,
und auch normaler Kinder- und Schulalltag darin
einen Platz hat. Erst am Schluss, als Überlebende
zurückkehren und ihre Schicksale erzählen,
macht die entsetzliche Realität von Vertreibung,
Lager und Tod den jetzt Zwölfjährigen
sehr schnell erwachsen.
Seit dem Tagebuch von
Anne Frank sind viele Jugendbücher über die Kriegszeit
in den Niederlanden und die Verbrechen gegen
die jüdische Bevölkerung erschienen.
Ein Verdienst von Mirjam Pressler, die auch
Geheimversteck Hotel Atlantic kongenial übersetzte.
Als Beitrag zur Versöhnung und Verständigung
zwischen Niederländern und Deutschen sind
sie gleichzeitig ein Aufruf zur Toleranz.
So
antwortet der Sohn des Oberrabbiners, der als
einer der wenigen jüdischen Jungen das
Massenmorden überlebt, Ronny auf die Frage,
warum er nicht auf eine jüdische Schule
gehe: „Ich bin für gemischte Schulen,
in der alle möglichen Kinder zusammen
sind, mit oder ohne Glauben. Niemand ist auserwählt
und ein Herrenmensch. Manche strenggläubigen
Menschen werden extremistisch oder fundamentalistisch.
Das ist in der Geschichte auch bei Juden passiert,
nicht nur bei Christen und Moslems. Fanatiker
glauben, dass ihr Gott die Wahrheit gepachtet
hat. Davon kommt schon seit Jahrhunderten das
ganze Unglück. Denn Erwachsene können
nicht aufhören. Es gibt nur eine Lösung:
Wir Kinder müssen den Hass stoppen.“
ROSWITHA BUDEUS-BUDDE
MIRJAM
ELIAS: Geheimversteck Hotel Atlantic. Eine
wahre Geschichte.
Aus dem Niederländischen
von Mirjam Pressler.
Fischer Schatzinsel, Frankfurt/Main
2005. 380 Seiten, 14,90 Euro. Ab 10 Jahre. SZdigital:
Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche
Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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